Der Klang der Einfachheit Teil 2, 2,5 Jahre später

20 Pullover, 18 Hosen und gefühlte 100 Paar Schuhe – nein, bei mir waren es, aufgrund meines Hallux valgus, Handtaschen. Ein Haus von fast 200 qm. Jeden Tag neue „Inspirationen“ aus Schaufenstern, Werbeeinblendungen in den verschiedenen Medien und bei anderen Damen meines Alters zu sehen, das war bis vor einigen Jahren die „Nahrung“, die mich, na ja vielleicht nicht glücklich, aber zumindest zufrieden machte. Dazu kommen noch diverse Haushalts- und Elektrogeräte und ein völlig überfüllter Kühlschrank, von dem leider ein Teil der Nahrungsmittel dann auch wieder im Müll entsorgt wurde, da sie mangels hungriger Menschen nicht verzehrt werden konnten. Aber in den Regalen sah es so lecker aus und musste gekauft werden. Und dann noch das Auto, sorry die Autos. Zeige mir dein Auto und ich sage dir, wer du bist.

Mit einem zehn Jahre alten Ford Fiesta in der Schule meines Sohnes vorzufahren – ausgeschlossen. Meine Söhne hätten unsere Verwandtschaft verleugnet, wenn ich das gewagt hätte.

 

So war mein Leben bis vor ein paar Jahren.

 

Ich musste hart arbeiten, um dem Anspruch des Mittelstandes gerecht zu werden (oder war es mein eigener?). Aber das ist legitim, denn hart arbeiten entspricht dem, was auch schon meinen Eltern und deren Eltern und überhaupt fast allen Menschen in meinem deutschen Umfeld entspricht und gewürdigt wird. Das kommt gut an, du gehörst dazu! Und das will Mensch ja schließlich...

 

Du hast nichts zu tun? Bitte – hast du mal vor die Tür geschaut? Da sprießt das Unkraut nur so zwischen den Pflastersteinen. Was sollen denn die Nachbarn denken?

 

Aber halb so wild, ich fühlte mich dann doch wieder richtig gut, wenn ich mich für die Migräne, die depressiven Verstimmungen und völlige Überforderung belohnte. Zum Beispiel mit der schicken Handtasche von der Markenfirma, die mich zum Mitglied der besseren Damenwelt machte. Ja, ein Meeting mit dieser Handtasche erfüllte meine Ausstrahlung mit einem Erfolgsglitzern, das alle mangelnde Kompetenz in den Schatten stellte.

Doch irgendwo, von ganz tief innen, meldete sich eine Stimme, ein Gefühl. Ein Störfaktor in der Welt der Schönen und Erfolgreichen, das gebe ich zu. Diese Stimme piekste, wie mit dem Dreizack des Poseidon, immer wieder von innen an mein emotionales Äußeres und flüsterte:

„Es muss da doch noch mehr geben“. „Was mehr?“, fragte ich mich.

Mehr als die Tasche von Armani oder den guten Ford Mondeo (natürlich das neueste Modell, über sieben Jahre abgezahlt, aber mit der neuesten Computertechnik)?

Erinnere dich, sagte die pieksige Stimme mit ihrem nervigen Dreizack eindringlich. Woran sollte ich mich erinnern?

Langsam entstand, oder sollte ich besser sagen, langsam erinnerte ich mich an ein Gefühl von Gemeinschaft, die mich annimmt ohne jegliche Konventionen. Die nicht auf mein Haus, mein Auto, meine Markenkleidung und meinen mit Fleiß erworbenen Erfolg schaut? Oder gar auf meinen sauberen Vorgarten...

Es tauchte immer öfter die Sehnsucht nach einem Leben ohne Konsum in mir auf.

 

Was wäre, wenn es einen Ort gäbe, der weitestgehend frei von all den materiellen Verlockungen wäre?

 

Ich stellte mir vor, dass ich weniger arbeiten müsste, da der Druck Geld zu erwirtschaften geringer würde, da es an diesem „Traumort“ ja nicht viel gibt, das ich kaufen könnte. Stattdessen wünschte ich mir ein einfaches und zufriedenes Leben in der Natur mit Menschen, die zusammenhalten, die sich kennen und wertschätzen.

Gialiskari Ikaria, Anna Avramidou, Klang der Einfachheit

Wie ich schon in meinem Blogbeitrag „Der Klang der Einfachheit“ beschrieben habe, hat uns das Schicksal, die Kraft unserer Sehnsucht oder wie auch immer man es nennen möchte, auf diese Insel, Ikaria, geführt.

Über Jahre haben wir uns ein detailliertes Bild davon gemacht, wie unser „Traumleben“ aussehen sollte. Abende lang haben wir Dokumentationen über Menschen geschaut, die so lebten, wie wir es uns so sehr wünschten. Jede Zelle in mir sehnte sich nach diesem Ort, von dem ich sicher war, dass er existierte, aber keine Ahnung hatte, wo genau er lag.

 

Bis zu diesem Tag, an dem ich auf dieser Insel ankam.

Ikaria, Anna Avramidou, SoundWorld

Mein Mann, der hier ein Seminar begleitete, holte mich zusammen mit unserem damals dreijährigen Sohn Leander von der Insel Samos ab. Es war und ist nicht leicht Ikaria zu erreichen. Das gibt diesem Ort aber die Chance, noch so ursprünglich und besonders zu sein.

Nach einer Übernachtung auf Samos und drei Stunden Fahrt mit der Fähre kamen wir im Hafen von Evdilos an. Nach dem Einchecken im Hotel fuhren wir zur Bucht von Nas, in der noch Reste eines uralten Artemis-Tempels stehen. Die Sonne ging gerade unter und unten am Tempel, direkt am Strand, führten meine Schwester und ihr Mann mit der Seminargruppe gerade ein Ritual mit Klangschalen und Gongs durch. Dieser magische Moment, an dem die Sonne im Meer versank und die Klänge zu uns hoch oben auf den Felsen drangen, wird mir immer im Gedächtnis bleiben.

 

Es war der Moment, in dem mein Mann Niko und ich uns anschauten und uns fragten, warum wir hier überhaupt jemals wieder weggehen würden...

Danach dauerte es allerdings weitere fünf Jahre, bis es endlich so weit war und wir, als Sicherheitsdenker, alles für uns Wichtige geklärt hatten, um auf diese Insel umziehen zu können.

 

Auch wenn wir unsere Familie wirklich schmerzlich vermissen, jahrzehntelange Freundschaften zerbrochen sind und der Weg nach Deutschland, zeitlich gesehen, meist genau so lang und teuer ist, als wenn ich nach Amerika fliegen würde, spüre ich tief in mir, dass es sich richtig anfühlt. Hier gibt es keine blinkende Werbung in den Geschäften, Massen von Menschen, Autos und Statussymbolen. Hier gibt es das ehrliche und einfache Leben, reduziert auf das, was wirklich wichtig ist.

Morgende, an denen ich zwei Flaschen selbstgemachten Wein unseres Nachbarn auf meinem Tisch vor dem Haus finde, einfach so. Oder an denen unser albanischer Gärtner Oliven eines anderen Nachbarn für uns mitbringt. So etwas überbringt in vielen Fällen niemand selbst, da auf Lob verzichtet wird und die Selbstlosigkeit im Vordergrund steht. Umgekehrt ist unser Sohn dann der Überbringer eines kleinen Dankeschöns, das natürlich mit einem „aber das ist doch wirklich nicht nötig!“ konnotiert wird. Leander erfährt so (und in vielen anderen Situationen) natürlich sehr viel Freundlichkeit und wächst automatisch in die Gesellschaft hinein. Da die Menschen nicht viel haben, wird eben viel geteilt und weitergegeben.

Bei den vielen Festen auf Ikaria kommen Alt und Jung zusammen. Jeder ist herzlich willkommen!
Bei den vielen Festen auf Ikaria kommen Alt und Jung zusammen. Jeder ist herzlich willkommen!

Mein ganzes Nervensystem ist hier völlig zur Ruhe gekommen. Fernsehen schaue ich seit zwei Jahren nicht mehr, da mich die schnellen Bilder und die ständige Werbung völlig überfordern. Für mich fühlt sich das eher wie eine Art Gehirnwäsche an. Ich habe früher wirklich an das geglaubt, was mir dort vorgegaukelt wurde. Und damit meine ich nicht nur, dass die Kindermilchschnitte und die Cornflakes am Morgen gesund sind.

 

Das Leben hier ist oft rau und herausfordernd, gerade im Winter. Und doch hat diese Insel eine Aura, eine Energie, die etwas sehr Besonderes und Stärkendes hat. Ich spüre jeden Tag, dass es sich lohnt seiner Sehnsucht zu folgen. Schon meine Mutter sagte:

„Wenn du etwas wirklich willst, kannst du es auch schaffen“.

 

Diesen Worten bin ich gefolgt und bin ihr noch heute dankbar dafür!

 

Alles Liebe sendet euch

Anna

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Kommentare: 2
  • #1

    Dorothea (Samstag, 24 Februar 2018 18:35)

    Danke, Anna, ich habe Deinen Beitrag mit sehr viel Spannung gelesen. Ich finde es immer wieder interessant zu hören, aus welchem Grund andere Menschen auswandern. Ich denke, diese Sehnsucht nach Einfachheit, Gemeinschaft und Geborgenheit wird in Mitteleuropa immer stärker und es fangen ja schon immer mehr Leute an, erste Schritte dort hin zu machen. Ich freue mich sehr, dass Ihr es so gut getroffen habt! Tolle Bilder auch! Besonders gefällt mir die Collage!

  • #2

    Anna Avramidou (Montag, 26 Februar 2018 10:00)

    Liebe Dorothea, danke dir für dein Feedback! Das erlebe ich auch so, dass immer mehr Menschen nach alternativen Lebensformen suchen. Die Sehnsucht nach Einfachheit und Gemeinschaft ist sicher ein Grundbedürfnis von uns Menschen.